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Über Epilepsie

Epilepsie hat die Menschheit von Anfang an, schon seit prähistorischen Zeiten begleitet. Sie ist nach Migräne die am häufigsten vorkommende chronische Krankheit des zentralen Nervensystems. Sie weist jedoch kein einheitliches Krankheitsbild auf. Epileptische Anfälle können als Reaktion des Gehirns auf alle erdenklichen Schädigungen auftreten, und jeder kann sie bekommen. Zwischen und 5 und 10% aller Menschen leben mit einem erhöhten Anfallsrisiko, das sich aber nicht in allen Fällen manifestiert. Viele bekommen im ganzen Leben nur einen oder ganz wenige Anfälle. Von Epilepsie spricht man aber erst, wenn Anfälle sich wiederholen, so dass eine gezielte Behandlung notwendig wird. In den meisten westlichen Ländern stehen ca. 6% der Bevölkerung in Behandlung mit dieser Diagnose. In den Entwicklungsländern leiden mehr Menschen an Epilepsie, da typische Ursachen wie entzündliche und parasitäre Hirnerkrankungen, aber auch Schädelverletzungen häufiger sind und schlechter versorgt werden. Dennoch stehen hier viel weniger Betroffene in Behandlung, weil die Diagnosemöglichkeiten vor allem auf dem Lande nicht ausreichen und viele sich die notwendigen Medikamente nicht leisten können. Dies ist die so genannte „Behandlungslücke“ für Epilepsie. Aber auch in den Industrieländern bekommen längst nicht alle Patienten die für sie am besten geeignete Behandlung, meistens auf Grund von Unwissen und unklaren Behandlungszielen.

Das wichtigste Behandlungsziel ist die vollständige Anfallsfreiheit, die heute in ca. 70% der Fälle mit Medikamenten, den sogenannten Antiepileptika, zu erreichen ist. Denn nur wer keine Anfälle mehr hat, ist sicher vor den möglichen Komplikationen geschützt, die im körperlichen, seelischen und sozialen Bereich liegen.

Typische körperliche Komplikationen sind Verletzungen, die man sich bei Anfällen zuziehen kann, z.B. Verletzungen durch Sturz, Verbrennung oder Verbrühung.

Typische seelische Komplikationen sind Depressionen oder Verwirrtheitszustände bei und nach Anfällen.

Typische soziale Komplikationen sind Einschränkungen im beruflichen Leben durch mit Anfällen verbundene Risiken, in der persönlichen Mobilität durch fehlende Fahrtauglichkeit und im Zusammenleben durch Diskriminierung, Ablehnung und soziale Stigmatisierung, die überwiegend in Unkenntnis und gesellschaftlichen Vorurteilen begründet sind.

Das zweitwichtigste Behandlungsziel besteht darin, die Anfallsfreiheit mit einer Behandlung zu erreichen, die keine unakzeptablen Nebenwirkungen mit sich bringt. Die heute verfügbaren Antiepileptika haben zwar nur bei einer Minderzahl der Patienten schwerwiegende Nebenwirkungen, aber es gibt grundsätzlich keine wirksame Arznei, die immer völlig frei von unerwünschten Nebenwirkungen wäre. Immerhin steht heute ca. ein Dutzend unterschiedlicher antiepileptischer Substanzen zur Verfügung, so dass sich meistens eine Behandlung finden lässt, mit der die beiden oben genannten Ziele erreicht werden.

In ca. 20% der Fälle ist immerhin eine wesentliche Besserung mit einer gut verträglichen Medizin zu erzielen. Die übrigen 10% sind die ausgesprochenen Problemfälle, derentwegen weitere Forschungsanstrengungen erforderlich sind.

Einem Teil der medikamentös nicht befriedigend behandelbaren Patienten kann durch einen hirnchirurgischen Eingriff geholfen werden, bei dem der die Anfälle auslösende Herd entfernt wird – falls dies möglich ist, ohne wichtige Hirnfunktionen zu beeinträchtigen. Um dies genau abschätzen zu können, sind aufwendige Untersuchungen erforderlich, die in Deutschland heute an mehreren Zentren in sehr guter Qualität angeboten werden. Eine Operation wird nur den Patienten vorgeschlagen, bei denen eine mindestens 65- bis 70-prozentige Chance besteht, dass sie durch den Eingriff anfallsfrei werden ohne Funktionseinbußen zu erleiden. In vielen Fällen ist dann immer noch eine medikamentöse Weiterbehandlung erforderlich, aber nicht wenige können durch die Operation auch völlig geheilt werden.

Die oben erwähnten Probleme im praktischen Leben können schon früh einsetzen, häufig schon nach einem einzigen Anfall, wenn z.B. der Betroffene einen Beruf mit erhöhter Unfallgefahr für sich und eventuell auch andere ausübt (z.B. Dachdecker, Busfahrer). Die Gefahren werden im Umfeld oft auch übertrieben, und viele Betroffene fühlen sich diskriminiert und stigmatisiert. Viele ziehen es daher vor, ihre Diagnose geheim zu halten, was wiederum zu Entdeckungsängsten führen kann.

Zum praktischen Leben mit der Diagnose einer Epilepsie gehört auch, dass die Betroffenen ihren Beitrag zur Behandlung leisten müssen, wenn diese erfolgreich sein soll, z.B. durch Vermeidung von Schlafmangel, weitgehenden Verzicht auf Alkohol und vor allem eine genaue und regelmäßige Einnahme der verordneten Medizin. Rehabilitations- und Patientenbildungsprogramme haben deshalb eine große Bedeutung bei Epilepsie. Ihr Erfolg ist durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt.

Bemerkenswerterweise gehört zu der historisch langen Medizingeschichte der Epilepsie auch eine ebenso lange Kulturgeschichte mit Kunstwerken, juristischen und literarischen Texten, in denen sich die gesellschaftliche Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild widerspiegelt.


Zur sozialkulturellen Geschichte der Epilepsie

Epilepsie begleitet die Menschheit seit prähistorischen Zeiten.  Hier finden Sie ein Kapitel über die sozialkuturelle Geschichte der Epilepsie von Peter Wolf in englischer Sprache (Quelle: Panayiotopoulos C. P. (ed) Atlas of Epilepsies. Springer, London 2010).